Maghs

Alles meinem Gott zu Ehren

Die Kirmes schläft

Links: Cindy Crawford. Rechts: Die Monroe. In der Mitte: Josef Maghs. Hinter ihm Miss Liberty. Die mit der Fackel. Die aus dem Hafen von New York. Die, die jeder kennt.

Ein Dienstag. 9.30. Die Kirmes schläft. Nichts dreht sich. Nichts lärmt. Nur hier und da Männer mit Besen und anderen Reinigungsgeräten. Man hört viel Polnisch. Ansonsten: Ruhe auf dem Kirmesplatz.

Es läutet von der Scooterplatte

Plötzlich, in die Ruhe hinein  — wie ein Signal: Glockengeläut. Es läutet von der Scooterplatte. Da, wo sonst der Bär steppt, wo die Musi brummt, wo Gel-Buben um Mädchen buhlen, wo nur die Coolsten bestehen, läuten jetzt Glocken: Aus dem Lautsprecher. Unter dem blauen Zelthimmel. Mit den gelben Sternen.

Kirmesgottesdienst. Chef im Ring: Pfarrer Josef Maghs. Seelsorger seit 51 Jahren. Seit Anfang der 90er unterwegs in Sachen Schausteller. Auf seiner Visitenkarte steht: Circus- und Schaustellerseelsorger. Handy-Nummer: Fehlanzeige. Was steht da noch? Verein der Freunde und Förderer der Circus-Schausteller und Marktkaufleute e.V. „Die haben doch alle keine Lobby“, sagt Maghs nach dem Gottesdienst.

„Das könnt ihr aber besser!“

Ein Organist ist auch da. Musik ist wichtig. Musik erhebt den Menschen. "Und wenn einer gut spielt, singen die Menschen gut mit", weiß der Pastor. Und wenn sie zu leise singen, ruft Josef Maghs, der Kirmes-Apostel: „Das könnt ihr aber besser!“ Und hebt die Hände zum Dirigieren. Aus dem vielstimmigen Gesäusel wird dann mit einem Wink ein lautstarker Chor: „Alles meinem Gott zu Ehren.“

Josef Maghs ist einer, dem man seine Botschaft glaubt. Nach dem Gottesdienst werden zwei alte Damen sagen: „War datt schöööön. Datt kannze doch nich lernen. Dafür musse geboren sein.“ Und wenn eines sicher ist, dann das: Josef Maghs ist dafür geboren.

Er braucht kein Mikro, um sich Gehör zu verschaffen. Die Leute wollen ihm zuhören, wie er da zwischen der Monroe und der Crawford steht. Aber Maghs ist keiner von denen, die es auf die vermeintlich Großen abgesehen haben. Er ist einer für die Kleinen. „Alles meinem Gott zu Ehren.“ Schon das Eingangslied ist Maghs’-Programm. „In der Arbeit, in der Ruh.“

Ein jegliches hat seine Zeit

Maghs’ Evangelium des Tages stammt aus dem Alten Testament: Prediger, Kapitel 3. „Ein jegliches hat seine Zeit“, liest Maghs. Klagen hat seine Zeit und Tanzen, Abbrechen und Bauen, Streit und Friede.“ 

Einer wie Maghs liest nicht einfach Text. Er weist auf die Libanon-Krise hin. Kein leeres Gerede. Was er vorne in Bewegung setzt, dringt bis zur letzten Reihe. Das ergreift. Das packt an. Ein jegliches hat seine Zeit — auch hier auf der Scooter-Platte. Die Crawford links, die Monroe rechts, und in der Mitte Josef Maghs, der Mann, der sagt: „Eine Rente gibt es doch für einen wie mich nicht.“

Der Kirmes-Apostel

Maghs ist einer, der unterwegs sein muss. Einer, der eine Botschaft hat, die nicht taugt für den Schaukelstuhl. Maghs ist einer, der bei der Kommunion die Menschen nicht nach vorne kommen lässt — er geht hin und teilt aus. Geschenkt. Geschenk.

Maghs ist einer, der nicht locker lässt. Wenn beim Singen die „Kraft der Gemeinde“ nachlässt, dirigiert er wieder: Klang kehrt zurück. Klang ist verräterisch. Der Klang auf der Scooterplatte ist beseelt. Kein „Jetztmüssenwirsingen-Klang“, sondern  ein: „Alsogutsehenwirmalwieweitmanunswohlhörenwird-Klang“.

Und wenn Maghs zur Kollekte bittet, damit er die Schaustellerkollegen, denen es nicht so gut geht, mit dem Nötigsten versorgen kann, dann taucht die Ahnung auf, dass jeder gerne gibt. Maghs ist kein Bittsteller. Er macht, ohne es zu sagen, allen klar: Ihr gebt am Ende doch für euch.

Und wenn sich zum Sanctus das Schubert’sche „Heilig, heilig, heilig“ im Dreivierteltakt in die Sommerluft schraubt, entsteht der Eindruck, dass Josef Maghs, der Kirmes-Apostel, sein Sanctus beim Komponisten höchst persönlich in Auftrag gegeben hat: „Du Franz, schreib mir doch mal was für die Kirmes. Etwas, das sie alle verstehen können. Etwas Sommerliches, das trotzdem noch Bedeutung hat. Und Franz: Schreib’s mir auf Deutsch. Sie sollen es doch alle verstehen.“

Das große Los

Und sie verstehen es alle. Hier würden auch die etwas verstehen, die gar nicht wissen, worum es geht. Sie würden verstehen, dass da - abseits von Scooter und Geisterbahn — irgendwo weit über dem Riesenrad das große Los wartet, das man nirgends kaufen kann. Josef Maghs bringt Wandlung auf die Platte und wenn er sich bedankt bei seinen Gästen, die doch letztlich Gäste beim Chef sind („Bei dem da oben“), dann schwebt Herzlichkeit über den Platz und man möchte schwören, dass die Kirmes-Putzer danach ihre Besen in einem anderem Takt schwingen.

Jetzt ist der Tag ein anderer.

„Kleve ist immer ein Highlight auf meiner Tour. Das ist hier etwas Besonders“, schiebt Maghs seinen Dank vor den Schluss-Segen. Dabei ist der Mann zwischen Crawford und Monroe, der Mann vor Miss Liberty — dabei ist er ein Teil des Besonderen. Ein jegliches hat seine Zeit. Um 10.30 entlässt Maghs seine Gemeinde. Wieder läuten die Glocken auf der Scooter-Platte. Alles meinem Gott zu Ehren. Jetzt ist der Tag ein anderer.

Maghs 2


Heiner Frost