Hymne

Fotos: Rüdiger Dehnen


Deutsch ab jetzt!

Einen Pass kannst du zerreißen und dein Bild in einen Neuen kleben. Erinnerung ist nicht transplantierbar ...

Heimat gibst du nicht an der Garderobe ab

Sie sitzen auf dem Gang — manche in Schlips und Kragen. Die Hautfarben reichen von Weiß bis Schwarz. Sie kommen aus Togo, Kirgisien, Afghanistan, Marokko, Malaysien, Serbien, aus dem Libanon, der Türkei und Holland. Sie halten Zettel in der Hand. „Ich erkläre feierlich ...“, so beginnt der Text auf dem Zettel — der Text, den sie später sprechen werden. Der ihr Leben verändern wird.

Einige von ihnen wirken nervös, andere ruhig, wieder andere irgendwie abwesend. Nachdenklich. Deine Heimat gibst du nicht an der Garderobe ab und bekommst eine Neue dafür. Heimat ist nicht transplantierbar. Staatsbürgerschaft vielleicht. Über den Gang laufen Menschen mit Urkunden. Sie verschwinden in eben dem Raum, wo in zehn Minuten die Einbürgerungsfeier vollzogen werden wird. Noch sind die Flügeltüren zum Maywaldsaal geschlossen, obwohl durch die Oberlichter Licht im Innern zu sehen ist. Der Maywaldsaal, das steht auf dem Leitsystem zum Kreistagsgebäude, der Maywaldsaal ist die Kantine. Die allerdings wird, wenn viel Platz vonnöten ist, auch anderweitig genutzt. 

Sie sitzen auf den Stühlen im Flur und käme einer hier langgelaufen, der nicht wüsste, was hier passiert, er würde sich im Ausländeramt wähnen — zur Sprechstundenzeit. Feierlichkeit muss man ahnen.

So feiert man Deutschwerdung

Dann werden die Türen aufgeklappt. Der Saal offenbart gedeckte Tische. Am Kopfende: Schwarzrotgold im Fahnenständer. Wo auf dem Gang Stimmengewirr herrschte, kehrt jetzt eine besondere Form der Andacht ein, die nicht zu beschreiben ist. Vielleicht ist die Luft mit Spannung gefüllt. Mit Erwartung. Mit Plänen. Mit Schmerzen. Mit Rückschau. Erinnerungen. Hoffnungen.

An der Flanke des Raumes: Drei Notenständer. Flötenmusik zum Auftakt. So feiert man die Deutschwerdung?

Der Landrat spricht. Er spricht vom Willkommen, spricht von einer Entscheidung, die alle Anwesenden nach reiflichem Überlegen gefällt haben. Er spricht von einer gemeinsamen Heimat. Für ihn ist es die alte Heimat. Für die, die da sitzen und mit Andacht und Ergriffenheit den Redner fixieren, findet gleich etwas statt, das man beschreiben kann, aber nicht nachempfinden. Deine Heimat gibst du nicht an der Garderobe ab.

Manche von den 37 Menschen, die gleich Deutsche werden, haben nie etwas anderes als Deutschland gelebt. Gekannt. Der Schritt, den sie tun: Ein logischer Schritt, der bürokratisch besiegelt, was eh in ihren Köpfen war. In den Seelen. Den Herzen.

Ausgestempelt

Die anderen: Sie werden Deutsche und geben etwas ab mit dem Deutschwerden. Sie geben nicht nur ab. Sie bekommen auch etwas: Eine neue Staatsbürgerschaft. Eine, die sie sich gewünscht haben. Niemand wird zwangseingebürgert. „Ich erkläre feierlich, dass ich das Grundgesetz und die Gesetze der Bundesrepublik Deutschland achten und alles unterlassen werde, was ihr schaden könnte.“ Der letzte Satz an der Schwelle in ein neues Leben. Die Einbürgerungsurkunden sind geschrieben. Gibt es ein Zurück? Klar: Sie könnten sich verweigern. Keiner will das. Mit der neuen Staatsbürgerschaft werden alte Statuten „ausgestempelt“. Jetzt braucht niemand von ihnen mehr eine Aufenthaltserlaubnis. Eine Arbeitsgenehmigung. Jetzt werden sie Deutsche. Rechte gehören dazu. Pflichten. „...und alles unterlassen werde ...“ Theoretisch könnte ein Türke, der hier und jetzt Deutscher wird, in die Türkei reisen und sich dort wieder einen türkischen Pass ausstellen lassen. Dann wäre alles Deutschsein futsch. Per Gesetz. Aber niemand würde es merken. Die Vorstellung lässt Praxis zur Theorie gerinnen. Hier findet etwas statt, das nicht wirklich greifbar ist.

Damit bekennen Sie sich zu unserem Land

Die hier auf die Wandlung warten, haben nicht alle eine Staatsbürgerschaft. Manche von ihnen sind Staatenlose. Jahre sind sie umhergeirrt. Keine Botschaft hat sie für sich in Anspruch genommen. Es gibt sie nicht, obwohl sie hier sitzen — den Zettel in der Hand. „Ich gelobe feierlich ...“ In zehn Minuten werden sie eine Heimat haben. Sie werden Bürger eines Staates sein.

Der Landrat spricht: „Ich freue mich, dass ich Sie bei einem so wichtigen Schritt begleiten kann, und beglückwünsche Sie zu Ihrem Entschluss, Deutsche zu werden. Damit bekennen Sie sich zu unserem Land, zu seinen Menschen und zu unserem Staat.“

Später dann: Musik. Die Hymne — verkleidet in ein Querflötentrio. Ohne Pomp. Ohne Parade. Alle stehen. Kaum einer legt die Hand aufs Herz, wie sie es jenseits des großen Teiches tun würden. Ein Schritt noch auf dem Weg zum Deutschsein. Sie werden aufgerufen. Einzeln. Sie gehen nach vorne.

Ziellinie Schwarzrotgold

Wenn überhaupt die Pulsfrequenz steigen kann, dann jetzt. Einzeln treten sie zum Landrat — von allen gesehen. Jetzt das Ja-Wort. Jetzt das Gelöbnis. Jetzt die Wandlung, die innerlich wohl längst vollzogen ist. Du meldest dich nicht am Montag zum Deutschsein an und wirst mittwochs vereidigt. Sie alle haben die Instanzen hinter sich. Haben Bürokratie erlebt. Jetzt: Die Ziellinie — schwarzrotgold. Dann sprechen sie. Paragraph 16 — Staatsangehörigkeitsgesetz. „Ich gelobe feierlich ...“ Jeder wird fotografiert.Es ist der Moment ihres Lebens. Der Moment, in dem alles anders wird, obwohl alles gleich bleibt — in dem alles gleich bleibt, obwohl alles sich ändert.

Drei, zwei, eins: Deutsch ab jetzt! Sie sehen alle noch genauso aus wie vorher auf dem Gang. Oder ist da Erleichterung zu sehen? Zu spüren? Liegt Wehmut im Maywaldsaal? Ist das Leben jetzt ein anderes? „Hinter Ihnen liegt Ihre alte Heimat, die Sie verlassen haben, vielleicht sogar verlassen mussten ...“

Manche werden allein deutsch — andere kommen als Familie. Die Kleinen bekommen eine Stoffgans. Was da passiert, können sie nicht verstehen. Werden es später einmal gut finden oder Fragen stellen. Fragen nach etwas, das einst Heimat war. Fürs erste sind sie Deutsche. Adoptierte.

Dinge des Herzens

Staatsbürgerschaft ist nah an der Religion: Sie taufen dich im Namen der Eltern. Sie bürgern dich ein im Namen der Eltern. Staatsbürgerschaft ist von allem, was du wechseln kannst, das am ehesten Theoretische. Staatsbürgerschaft kann im Kopf stattfinden. Sprache und Heimat sind Dinge des Herzens.  „Ich gelobe feierlich ...“ Einen Pass kannst du zerreißen und dein Bild in einen Neuen kleben. Erinnerung ist nicht transplantierbar. Einigkeit und Recht und Freiheit.

Dann das Gruppenfoto vor der Fahne. Der Fotograf auf einer Leiter. Sie sollen alle einmal lächeln. Sie tun es. Manche strahlen. Zusammen mit der Urkunde und dem Gelöbniszettel halten manche ein anderes Blatt: Darauf — Noten und ein Text. Einigkeit und Recht und Freiheit. Deutsch ab jetzt! Herzlich willkommen.    


Landrat

Fotos: Rüdiger Dehnen




Heiner Frost