
„Was du nicht in zwei Minuten erklären kannst, schaffst du auch nicht in zwanzig.“ Ein einstündiges Werkstattgespräch offenbart die Eindimensionalität einer Berufsbezeichnung: Jürgen Vogdt, Künstler. Atelier und Kunstlager: 15.000 Bilder und Zeichnungen: Ein malerischer Lebensnachweis. Vogdts Kunstbegriff hat viel mit Müssen zu tun. Schaffen als „Nicht-Lassen-Können“. Die Kunst als das Edle? Nix. „Kunst ist Kommunikation.“ Rettung und Fluch.
Jeden Tag eine Zeichnung. Jede Woche mindestens ein Buch. („Lesen gehört zur Ernährung.“) Jede Stunde mindestens ein Widerspruch. Jürgen Vogdt, Künstler. Malen ist ein einsames Geschäft. Für die große Masse der Kunstschaffenden bleibt am Ende vom einsamen Geschäft bestenfalls die Einsamkeit. Die vogdt'sche Lesart von Gedankenübertragung: „Zeichnen bringt das Gehirn aufs Papier.“ Vogdts Linien: Grenzlinien. Gedankenstriche. Seine Kunst: Der Versuch einer Emigration ins eigene Land. „Auswandern kann ich doch nur, wenn ich hier bleibe.“
Vogdt ist einer von denen, die, gäbe es sie nicht schon, erfunden werden müssten. Der Mann, dessen Zeichnungen und Bilder in Paris, Lissabon, Eindhoven, Arnheim und und und zu sehen waren, erfindet für andere — berät derzeit einen Marktführer in Sachen adsortive Textilien. „Die wollten einen, der quer denkt.“ Eins ist sicher: Den haben sie gefunden.
Jetzt macht sich der Querkopf Gedanken über Unternehmensstrukturen („Kommunikation heißt eben nicht: Befehle erteilen“) und Steppdecken. Auf einem geruchsbindenden Material aus Aktiv-Kohle malt Vogdt Bilder für Raucher. („Immer auf die Leinwand pusten, dann stinkt's nicht so.“) Eine Frage schleicht sich ein: Gehört der Mann nun eingesperrt, oder ist er nur zu unbekannt? Das vodgt'sche Ideal: Im Irrenhaus groß rauskommen. Art brut? Von wegen!
Fragen
nach der Kunst stellt man besser nicht. Kunst ist Phantasie im
organisierten Zustand. Und die Inspiration? Lesen. Am liebsten
amerikanische Krimis. „Erzählung pur und
keine
Literaturversuche.“ Sagt ein bekennender Joyce-Fan. Na denn:
Kein Ding kann ohne sein Gegenteil gedacht werden. Und das Gegenteil
von Vogdt ist: Vogdt.
Kaum ein Buch in seinen Schränken und Regalen, zu dem es keine Zeichnung gäbe oder ein Bild. Interpretation mit einem anderen Stift. Denken in Form und Linien. Jede Zeichnung: Erinnerung an das, was nicht gelebt werden kann. Jedes Bild: Erinnerung an das, was das Leben übrig lässt. Lieblingsfarbe: Rot. Und Rot steht für ...
Vogdt ist ein Gewächs vom Niederrhein — seine Kunst eine weite Landschaft. Weidelandschaft. Leben aus Hinsehen. Müsste Vogdt Pflanze sein, er wäre eine Kartoffel: Über der Erde Gestrüpp. Unter der Erde das Eigentliche. Delikatesse unter Tage. Weiche Schale, harter Kern: k und k und k. Keine künstlerischen Kompromisse. Vogdt ist kein Herdentier. Aber auch als Hirte wär er wohl eine Fehlbesetzung. Vielleicht: Ein Wolf, mit dem keiner tanzt. Einer wie Vogdt ist unzumutbar. Am meisten für sich selbst. „Als Künstler bist du eine Art Insekt.“
Sein neuestes Projekt: Morulas Machete. Ein Buch. Klar – einer wie Vogdt ist eben auch Buchmacher mit eigenem Verlag. Die Gleichung: Buch gleich Kommunikation gleich Lebensqualität.
Vogdt und CIA. CIA ist der vodgt’sche Geheimdienst. Christoph I. Altmann. Bayer. Die Kartoffel und der Leberkäs. Die Geschichte: Altmann schickt Geschriebenes an den Niederrhein. Vogdt: „Da geht was.“
Das Konzept: Kunst und Geschichten. Die Geschichten sind längst da. Jetzt kommt die Kunst. Vogdt holt sie aus dem Internet. Ersteigert Anonymes. Der Baukasten: Hier die Geschichten – da die Internetkunst. Und nach dem Zusammenfügen glaubt niemand mehr an ein vorheriges Eigenleben. Waren die Geschichten nicht immer zusammen mit diesen Bildern? Sind sie nicht zusammen aufgewachsen wie die Kartoffel und der Leberkäs, die sich doch auch nie gesehen haben?
Morulas Machete – auch Plattituden müssen sein – ist halt mehr als ein Buch. Es ist mehr als die Summe von Kartoffel und Leberkäs. Da ist der Erzähler – ein virtuoser Sprachingenieur („Bei meiner Geburt legte ich mir die Nabelschnur um den Hals“) und Jongleur mit destruktiven Kleinigkeiten („Ich beiße gerade vom Leberwurstbrötchen ab, als sie nach dem Salz greift und sagt, dass sie zwei Männer liebe.“) – und da ist der Regisseur vom niederrheinischen Kartoffelacker, der die Machete zwischen die Buchdeckel presst. Und da beginnt ihr Leben. Auch ein Drachen fliegt schließlich nur, weil er angebunden ist. Gesehen haben sich Vogdt und CIA noch nie. Wozu denn auch. „Du kannst ja schreiben.“ Zur Buchvorstellung würde der Vogdt am liebsten in Laarbruch an der Rollbahn sitzen. CIA sitzt an einem anderen Flughafen. „Nur Verbindung sollte es keine geben.“ Königskinder treffen sich zwischen Buchdeckeln.
Nach der Machete: Die Alditeppiche. Bambusläufer werden zu Bildträgern. Das Wesen der Dinge: Sie rufen nach Strich und Farbe. Einer wie Vogdt ist radikal. Radikal anspruchslos. Radikal vermessen. Radikal lebenshungrig. Radikal einsam. Radikal unangepasst. Radikal — das kommt von ‘radix’: Die Wurzel. Womit wir wieder bei der Kartoffel wären.
Und wie sieht Vogdt den Künstler: „Grandios gescheitert.“ Bevor man stirbt, die Tür zumachen und alles anstecken. Und die Bilder? Und die Bilder? „Die wissen doch nicht, dass es sie gibt. Denen ist auch ganz egal, wer sie gemalt hat.“ Vogdt on the rocks. Eiskalt serviert.
Fazit: Es braucht mehr als zwei Minuten, eine Kartoffel zu exhumieren.

Morulas Machete
ist im Verlag für Kultur und Technik erschienen. ISBN
Nummer
978 – 3 – 932026 – 00 – 3.
Play
– Geschichte einer
Ausstellung
Was sind
schon dreißig Jahre, wenn Papier geduldig ist? Gibt es Zufälle? Was ist
ein
guter Grund? Im Museum Katharinenhof Kranenburg
findet sich ein Heft im DIN-A-4-Format. Es enthält – mit
Schreibmaschine
(ab)geschrieben – die Reden, die Hans van der Grinten zu
Ausstellungseröffnungen
hielt. Auf dem Einband steht: „Ansprachen – Ausstellungen –
Katharinenhiof –
Kranenburg“. Die zweite Rede wurde anlässlich der Ausstellung eines
gewissen
Jürgen Vogdt gehalten. Es war das Jahr 1980. Papier ist geduldig. Im
letzten
Jahr tauchten die Reden – es gibt keinen Zufall – plötzlich auf. Meine
Frau
brachte sie von einem Konzert im Museum mit. Sie hatte das Heft
durchgeblättert
und die „Vogdt-Rede“ gefunden.
Meine Damen und Herren!
„Play“
begann mit einem Satz: „Hier, guck mal. Das wird dich interessieren.“
Und ob es
das tat. Jürgen Vogdts erste Ausstellung im Katharinenhof fand vor
dreißig
Jahren statt. (Papier ist geduldig.) Dreißig Jahre sind ein guter Grund
zum
Nachfragen.
… mit besonderem Nachdruck
hingewiesen wird
auf einen Künstler, der aus unserer Region stammt
Ja, lebt
denn der noch und wenn ja wo. Die Regel: Ein Niederrheiner bewegt sich
nicht
weit. Die Region ist die Welt, und die Welt ist die Region. Vogdts Weg:
Emmerich, Haldern, Labbeck. Das Umzugstriptichon. Es gibt keine
Endstationen,
aber man kann sich vorstellen: Vogdt wird – er ist sechzig – in Labbeck
bleiben. („Auswandern kann ich nur, wenn ich hierbleibe.“) Die letzte
Vogdt-Ausstellung
liegt ein paar Jahre zurück. („Es hat sich nichts ergeben.“)
… Das ist einmal
eine Folge der sicherlich
klugen Zurückhaltung, der lieber eine deutliche Präsentation abwartet,
als sich
mit vielerlei Veranstaltung zu verzetteln …
„Ich
könnte doch mal in Kranenburg nachfragen.
Dreißig Jahre sind ein guter Grund.“ „Das tu mal.“ So begann „Play“.
Ich tat
mal. Papier ist geduldig.
Man legt
Spuren aus. Wer kennt wen? Wer könnte helfen? Jede Frage braucht den
richtigen
Augenblick; einen guten Grund; den richtigen Frager. Also: „Da hat vor
dreißig
Jahren mal einer ausgestellt bei euch. Der lebt noch. Der malt noch.
Den sollte
man mal wieder ausstellen. Der würde auch gern. Der friert sonst fest
in seinem
Atelier. Wie wär’s?“ Bedenkzeiten. Nicht nur Papier ist geduldig.
Trotzdem:
Irgendwann kommt eins zum anderen. „Ja, das könnten wir uns
vorstellen.“ Mal
hinfahren. Eine Atelierbesichtigung. Und dann: Man kann es sich
vorstellen.
Die Papiere
in den Schränken: Geduldig. Darauf haben sie gewartet. Jetzt werden sie
geborgen. Eine Ausstellung entsteht. Es ist wie ein riesiges Puzzle.
Das
Kommando: „Play!“ Sehweisen. Sichtweisen. Standpunkte. Liegenschaften.
Die Auswahl.
X aus vierzigtausend: Play! Die Ausstellung: Ein fragiles Etwas ohne
Anfang.
Ohne Ende. Dann – beim Sichten der ersten Schublade – wie eine
Botschaft aus
dem Papier: Ein Blatt mit dem Titel „Play“. Vorher die Idee: „Jürgen
Vogdt –
dreißig Jahre in Blei“, oder „Frauen, Bücher, Wunden“. Dann nur noch
das Einwortprojekt:
„Play!“ Herrlich lapidar. Muss so sein.
Papier ist nicht geduldig. Dreißig Jahre sind keine Zeit. Vogdt
produziert.
Immer weiter.
Aber sie haben doch einen sehr
direkten,
manchmal erschreckend direkten Blickcharakter in die Tiefe der eigenen
Persönlichkeit …
Vogdt malt
Vogdt, auch, wenn er manchmal anderes denkt. Würde Vogdt nicht Vogdt
malen,
wär’s auch irgendwie lächerlich. „Meinen Bildern ist egal, wer sie
gemalt hat.“
Den Bildern vielleicht. Allen anderen nicht.
Ich
kenne mich nicht aus mit der
Kunst – kann nur unzulänglich zuordnen oder einordnen – und bin nicht
im Besitz
eines allgemeingültigen Koordinatensystems. Kunst begann für mich mit
Jürgen
Vogdt. Immerhin: Sie endet nicht mit ihm. Aber: Vogdt stellt sich im
Frostleben
raumgreifend dar. Er stellt sich ein. Ich stelle ihn aus. Zu viel
gesagt: Er
stellt sich aus.
Die
Sammlung: Ein Bild kommt zum
anderen. Ich müsste längst umziehen. Ein Haus bauen mit Wänden ohne
Fenster:
Bilderplätze schaffen. Anbauen. Auch im Kopf. Mithalten. Schritt
halten.
Beobachten kommt nach dem Machen. Vogdt in zweiter Instanz.
Ich
bin – behaupte ich – nicht
mit kriminellen Tendenzen ausgestattet, tauge nicht zum Betrüger oder
Hinterzieher. Vogdtkunst aber kann mich zum Dieb machen. Ich könnte auf
einiges
verzichten. Vogdt gehört nicht dazu. Mitunter habe ich Tauschobjekte
anzubieten, die Geld überflüssig machen. Geld ist eine Form der
simulierten
Wertschätzung aus Notwehr. Falsch: Die Wertschätzung ist nicht
simuliert.
Notwehr ist es auch nicht. Geld ist also die Verschiebung der
Wertschätzung auf
eine andere Ebene. Von Bewunderung allein kann kein Künstler auf die
Dauer
leben. Vogdt malt. Frost komponiert. „Gibst du mir Bilder, mach ich dir
Töne.“
Vogdt
liebt Texte, die zur Sache
kommen. Literatur ist nicht Erzählung. Nicht Bespiegelung. Bespiegelung
ist
Theorie. Zu wenig am Schund gebaut. Literatur ist für Vogdt eine
Überlebensapotheke. Vogdts Hausbücherei: Türme von Krimis, Blut,
Leichen,
Abgründen. Meine Texte dagegen: TeDe. Typisch deutsch. Verquast. Um
Ecken
geschrieben. Trotzdem: Vogdt wünscht sich einen Frost-Text für die
Ausstellung.
Kein Problem, Jürgen. Kannst du haben. Ich schreibe wie ich denke, dass
du
malstzeichnesterfindest. Ist Vogdt Maler? Ist Vogdt Zeichner? Wer soll
das
bestimmen? Ich nicht. Vogdt ist mir Erfinder einer ästhetischen Welt,
die sich
aus ihrer Umwelt speist. Einer wie Vogdt atmet Leben ein und Kunst aus.
Vogdts
Kunst ist gemalt, gezeichnet, gedacht, geschrieben, verloren,
verwundet,
verwundert, verbrannt, vergessen. Zu klären ist die Frage: Reagiert
Vogdt auf
die Welt oder ist es umgekehrt? Beides wird stimmen. Es richtet sich
nach der
Tagesform. Nach dem Verschwinden im Denken. Manchmal wird Vogdtsches
Denken auf
dem Papier wiedergeboren. Vogdts Welt ist ein rotes Telefon: Denken und
Handeln
sind mit einer Standleitung verbunden. Niemand muss wählen.
Der
Maler meiner Bilder ist
unbequem – am meisten manchmal für sich selber. Vogdt sagt: „Meinen
Bilder ist
es egal, wer sie gemalt hat.“ Ende der Durchsage. Was Leute sich unter
einem
Text vorstellen, soll Ausdehnung haben – soll herauswachsen aus der
Flachdimension des Geschriebenen. Buchstabenschmeicheleien sind meine
Sache
nicht. Ich liefere Wasserstandsmeldungen mit kurzer Halbwertzeit. Die
Kunst an
der Wand ist ein Spiel. Play! Ausstellungen sind eine Art Partitur. Es
gibt
kaum Eindeutiges: Nicht in Tönen. Nicht in Bildern. Nicht in Worten.
Ein
Höchstmaß an Objektivität ist nur mit radikaler Subjektivität zu
erreichen. Das
Reich der Kunst ist ein Reich der Diktatoren. Natürlich ist Wahrnehmung
lernbar. Ich habe einiges vonbeidurchmit Vogdt gelernt. Trotzdem bin
ich nicht
mehr als ein Wahrnehmungspraktikant in der Grundausbildung des Sehens.
Ich
finde Vogdt in mir und mich in Vogdt. Vielleicht lasse ich Meisterwerke
unbeachtet. Sie sprechen mich nicht an. Ohne Dialog keine Beziehung.
Ich bin
nicht auf der Suche nach Weltbildern.
Vogdt
hätte gern einiges aus
meiner Sammlung zurück: Das Problem: Er kann es sich nicht leisten.
Sammler
sind grausam. „Fälsch dir einen Vogdt“, sage ich. „Dafür bin ich nicht
gut
genug“, sagt er. „Kauf dir einen Vogdt“, sage ich. „Kann ich mir nicht
leisten“, sagt er. „Pech gehabt“, sage ich.
Vogdt
taugt nicht für den Markt.
Er ist vielleicht zu fleißig. Wert entsteht aus Rarität. In Vogdts
Kunstscheune
lagern die Bilder und Zeichnungen zu Tausenden. Irgendwann – Zahlen
spielen
keine Rolle – brannte ihm das Lager aus. Frühvogdt gibt es seitdem
nicht mehr. Das
wäre also ein Ansatz: Frühvogdt als unbezahlbare Kunstrarität. Das
Feuer hat
kein Gedächtnis. Die Nachbrandzeit: Unverletzt erhalten. In Schubladen.
Kisten.
Schränken. Mappen. Die Kunstscheune ist so voll, als wäre das Feuer nie
zu
Besuch gewesen. Vogdts Leben besteht aus Ideen. Alles wird irgendwie zu
Kunst.
Klar, dass einer wie er auch in der Werbung landet. Sprücheklopfer,
Logo-Erfinder, Kampagnen-Gestalter – nichts, was er nicht ist.
Die
eigene Existenz täglich neu
erfinden und dann dem Rest der Welt ihre Notwendigkeit sinnstiftend
verkaufen.
Ideenfarbriken funktionieren so. Es muss Hunderttausende geben, die die
das
Feuer legen. Am Ende schwimmen ein paar von ihnen oben. Haben es
geschafft. Hat
Vogdt es geschafft? Mal ja. Mal nein. Das Herbeten von biografischen Erfolgssplittern ist wenig aussagekräftig.
Vogdt muss sprechen: An der Wand. Wer sein Zeug erst erklären muss, hat
verloren.
Malen
ist Auseinandersetzung mit
der Einsamkeit. Mit der Verzweiflung. Mit dem eigenen Kern. Mit dem
Leben der
anderen. Mit der Kunst der Welt. Mit dem Kühlschrank. Mit der Flasche.
Mit der
Wahrheit. Mit der Täuschung. Schenk dem Mann ein Buch mit Bildern. Er
setzt
sich hin und malt es ab.
Die
Frage, was Vogdt ist und kann, entzieht sich meinem
Zuständigkeitsbereich. Rutscht aus meinem
Koordinatensystem. Ist er malender Zeichner oder zeichnender Maler? Ist
er zu bunt? Zu großformatig? Zu kleinteilig? Zu verspielt? Zu streng?
Ich bin
sicher,
er ist all das. Alles zu seiner Zeit. Vogdt ist einer, der leck
geschlagen
werden muss, damit er nicht platzt. Vogdt ist ein Luftballon auf der
Suche nach
Stecknadeln: Zustechen. Luft raus. Abwarten. Er pumpt sich wieder auf.
Ein
Stehaufmännchen. Nach außen. Innen arbeitet ein empfindlicher
Seismograph, der
– abseits von der eigenen Erschütterung – Schwingungen aufspürt.
Seit
ich Vogdt kenne, klingt er.
Er klingt anders als er glaubt. Er klingt manchmal auch anders als ich
glaube. Vogdts
Klänge sind nicht verschwenderisch. Vogdts Kunst in Tönen ist eine
Melange aus
Wahnsinn und Verschlafenheit. Zu jedem Bild gibt es einen Klang. Klänge
sind
transportierbar. Transponierbar. Mir ist jedes Bild ein Ton. Mir ist
jedes Bild
eine Rettung. Ich muss nicht nachdenken über diese Bilder. Ich muss sie
nur aufsaugen.
Sie sind wie Spieluhren, die schweigend daliegen und darauf warten, in
Gang
gesetzt zu werden. Aber die Spieluhren tauschen des Nachts ihre Töne
aus und
überraschen am nächsten Tag mit anderen Melodien. Die Töne wechseln.
Die Elegie
bleibt erhalten.
Mit
der Zeit habe ich einen
kleinen Blick für die Geschichten und Symbole bekommen, die Vogdt
erzählt.
Vielleicht sollte ich besser sagen: Ich finde für Vieles eine
Übersetzung. Eine
Entsprechung in mir. Meist ist sie erfreulich weit vom Ursprung seines
Denkens
verortet. Das macht nichts. Es geht nicht um Konsens. Es geht um
Koexistenz.
Vielleicht auch nicht einmal darum. Es geht um den Hunger nach Farbe,
Strich,
Form. Satt werde ich wohl nie. Ein Leben ohne Bilder ist kein Leben.
Vogdt spricht: Jeden Tag eine Zeichnung. Jede Woche mindestens ein Buch. (Lesen gehört zur Ernährung.) Jede Stunde mindestens ein Widerspruch. Malen ist ein einsames Geschäft. Für die große Masse der Kunstschaffenden bleibt am Ende vom einsamen Geschäft bestenfalls die Einsamkeit. Die vogdt'sche Lesart von Gedankenübertragung: „Zeichnen bringt das Gehirn aufs Papier.“ Vogdts Linien: Grenzlinien. Gedankenstriche. Seine Kunst: Der Versuch einer Emigration ins Eigene. „Auswandern kann ich doch nur, wenn ich hier bleibe.“
Fragen nach
der Kunst stellt man
besser nicht. Kunst ist Phantasie im organisierten Zustand. Und die
Inspiration? Lesen. Am liebsten amerikanische
Krimis. „Erzählung pur
und keine Literaturversuche.“ Sagt ein bekennender Joyce-Fan. Na denn:
Kein
Ding kann ohne sein Gegenteil gedacht werden. Das Gegenteil von Vogdt
ist:
Vogdt.
Kaum ein Buch
in seinen Schränken und
Regalen, zu dem es keine Zeichnung gäbe oder ein Bild. Interpretation
mit einem
anderen Stift. Denken in Form und Linien. Jede Zeichnung: Erinnerung an
das,
was nicht gelebt werden kann. Jedes Bild: Erinnerung an das, was das
Leben
übrig lässt. Lieblingsfarbe: Rot. Und Rot steht für ...
Vogdt ist ein
Gewächs vom Niederrhein
— seine Kunst eine weite Landschaft. Weidelandschaft. Leben aus
Hinsehen.
Müsste Vogdt Pflanze sein, er wäre eine Kartoffel: Über der Erde
Gestrüpp. Unter der Erde das Eigentliche. Delikatesse unter Tage.
Weiche
Schale, harter Kern. Vogdt ist kein Herdentier. Aber auch als Hirte wär
er wohl
eine Fehlbesetzung. Vielleicht: Ein Wolf, mit dem keiner tanzt. Einer
wie Vogdt
ist unzumutbar. Am meisten für sich selbst. „Als Künstler bist du eine
Art
Insekt.“
Rot Laura lag auf der Matratze, auf dass man ihr die Haut abkratze.
Und sie darauf im Wasser koche. Kartoffeln – das Rezept der Woche.
Knusprig gebraten die Celina, mit Reis und Hundeschwanz in China.
Agata, Agnes – ihre Schwestern, sind – sei’n wir ehrlich – Schnee von gestern.
Kartoffeln gibt’s von A bis Z. Alma, Zuri Oral – auch nett.
Die meisten haben Frauennamen.Man weiß nicht, wie sie dazu kamen.
Manchmal gut Deutsch, manchmal exotisch –der Züchter hofft, das klingt erotisch.
O Dagmar, Dalco,
Dalia, Schantal,
Beate, Barbara,
oh, Marlies, Senta, Holy Momm,macht, dass ich in den Himmel komm
und Petrus an der Türe seh’ mit einem Teller voll Püree.
Im Fegefeuer Gundula
und in der Hölle Kaviar.
In den letzten Tagen habe ich an die zehn Reden erfunden – eigentlich keine Reden: Es waren Ideen für Sagbares. Wirft man alle Ideen in eine Redenzentrifuge und beginnt mit der Rotation (dieses Bild stammt von Martin Walser), beginnen sich Partikel an der imaginären Wand des zu Sagenden abzusetzen.
Das erste Wort an der Zentrifugenwand: Fallschirm. Eine Rede ist wie ein Fallschirm. Das ist so lange hinzunehmen, wie sich der Schirm am Ende öffnet.
Position: Ich habe gelernt, dass in Bezug auf die bildende Kunst heute gern von Positionen gesprochen wird. Positionen sind für mich etwas, das bei Satellitennavigation herauskommt. Die Positionen der Kunst zielen – denke ich mir – auf eine Art Standpunkt hin. Standpunkte können waffenscheinpflichtig sein. Sie dienen schlimmstenfalls zur Schubladisierung eines Ergebnisses. Schubladen sind nützlich, wenn nicht viel Zeit zum Nachdenken bleibt. Alles, was über den Rand hinausragt, kann abgeschnitten werden.
Steht man vor einer verglasten Zeichnung, ist der eigene Standpunkt der Wichtigste. Je nachdem, wie einer dasteht, sieht er sich selbst im Glasrahmen. Oder er sieht einen Raum auf der Gegenseite des Bildes. Oder aber das Bild selbst: Unverstellt. Unverspiegelt. Es zählt – man kann das natürlich nicht verallgemeinern, aber man darf es sagen – der eigene Standpunkt. Finde nicht den Künstler sondern dich im Bild. Es spricht sonst nicht. Was nottut ist eine gehörige Portion subjektiver Wahrnehmung. Ein Bild lebt nicht von der Bedeutung, die es für andere hat. Ein Bild ist nicht vorhanden, wenn niemand hinsieht. So wie ein Musikstück nicht wirklich existiert, wenn niemand es spielt. Das Bild ist der, der es sich ansieht. Das Bild muss dem gefalllen, der es sich ansieht. Es muss nicht gefallen, aber sprechen muss es. Ein Bild muss Bedeutung für mich haben und nicht für sonstjemanden. Ich heirate keine Frau, weil sie jemandem anderen gefällt. Die Beziehung zu einem Bild, zu Literatur, Musik – die Beziehung zur Kunst, ist für mich eine Liebesbeziehung.
Erwartung. Als Komponist habe ich oft erlebt, dass Menschen sich von moderner Musik allein gelassen fühlen. Das kann viele Gründe haben. Einer der häufigsten ist Folgender: Die Erwartung. Wenn ich Melodie erwarte und nur Klang bekomme, entsteht ein Ungleichgewicht. Es entsteht eine Art von vorprogrammiertem Erwartungsvakuum. Wenn ich Lust habe, Wein zu trinken, will ich kein Bier eingeschenkt bekommen. Kunst beansprucht nicht viel: Eine offene Annäherung ist das erste Gebot. Sonst ist der Blick verstellt –die Ohren verkleistert.
Geschichten: Es ist erstaunlich, was Geschichten oder Titel bewirken. Sie sind eine Art Inhaltsersatz. Man denkt einen Titel und muss das Eigentliche nicht mehr suchen. „Dance or die“ – der Titel einer Zeichnung, die unmittelbar nach der Love-Parade-Katastrophe entstand. Der Titel erzeugt eine Spannung – taucht die Zeichnung in die Aura des Katastrophalen. Aber so viel steht fest: Die Zeichnung könnte auch mit einem anderen Titel bestehen – nur würde auf der inneren Leinwand des Betrachters ein anderes Nebenbild entstehen. Titel erzeugen Nebenbilder. Geschichten auch. Ich brauche keine Geschichten – keine Treppe ins Sehen. Manche hängen sich an einen Titel – eine Geschichte.
Vogdt: Jürgen Vogdt war mein erster lebender Künstler. Ich kroch aus dem Kulturgänseei und traf auf Vogdt. Er lehrte mich das Hinsehen, das Wegdenken. Er hat in mir den Habenwollengedanken installiert. Ich sah Bilder und wollte sie haben. Der Grund: Vogdts Bilder verstanden mich. Sie kannten mich längst. Seitdem ist Vogdts Kunst Teil meiner Insel, die nicht immer die Insel der Seligen ist, denn es wäre zu wenig, wenn Kunst nur unser Wohlfühlen dekorieren würde.
Vogdt sagt: "Meinen Bildern ist egal, wer sie gemalt hat." Vogdt sagt auch: "Lesen ist ein Teil meiner Ernährung. Jeden Tag eine Zeichnung. Jede Woche mindestens ein Buch. Jede Stunde mindestens ein Widerspruch." Oder: "Zeichnen ist wie Klavierspielen. Du musst täglich üben." Ich sage: Vogdt ist einer, den man – gäbe es ihn nicht schon – erfinden müsste. Vogdts Lieblingsfarbe: Rot. Vogdt sagt: "Das hat nichts zu bedeuten." Man kann das auch anders sehen.
Vogdts Titel: Teil seiner Kunstwerke. Nicht Teil einer Geschichte. Vogdt Zeichnungen: Innenansichten. „Zeichnen bringt Gehirn auf Papier.“
Vogdt ist ein Luftballon auf der Suche nach Stecknadeln: Zustechen. Luft raus. Abwarten. Er pumpt sich wieder auf. Ein Stehaufmännchen. Nach außen. Innen arbeitet ein empfindlicher Seismograph, der – abseits von der eigenen Erschütterung – Schwingungen aufspürt.
Dass Vogdt hier und heute
ausgestellt wird, hat mit
Vergangenheiten zu tun – es hat zu tun mit der Tatsache, dass vor 30
Jahren
Hans van der Grinten Vogdt ausstellte. Warum also nicht ein
Wieder-Sehen
installieren? Das war der Wunsch. Das – und eine höchst subjektive
Freude an
der Kunst von Jürgen Vogdt – der auf die Frage, was für ein
niederrheinisches
Gemüse er gern wäre, einmal sagte:
Kartoffel.
Das trifft es. Überirdisch ungenießbares Gestrüpp, das bestenfalls zum Abbrennen taugt – unter der Erde die Knolle. Das Eigentliche. Wer zum Vogdt will, muss sich eingraben können. Muss hinter vordergründiger Leichtigkeit das Dunkel aushalten oder hinter vorgeschobener Düsternis ein ungeschütztes Leben.
Über
der Erde: Gestrüpp. Unter der
Erde das Eigentliche.
Delikatesse
unter Tage. Weiche Schale, harter Kern. Vogdt ist kein
Herdentier. Aber auch als Hirte wär er wohl eine Fehlbesetzung.
Vielleicht: Ein
Wolf, mit dem keiner tanzt. Einer wie Vogdt ist unzumutbar. Am meisten
für sich
selbst. „Als Künstler bist du eine Art Insekt.“
Fehlt
noch: Musik
Play - Dreizehn Szenen zur
Kunst eines Freundfeindes, denn
Vogdt ist mir beides. Die Musik – keine Illustration von Einzelnem,
sondern
klangliche Zusammenfassung eines Gesamteindrucks.
Eine Rede in Klängen. Ein
Fallschirm, der sich – hoffentlich -
öffnet. Vogdt wäre nicht Vogdt, wenn er nicht seinerseits schon wieder
auf die
Klänge reagiert hätte. Die Frage nach Huhn und Ei dürfte gestellt
werden und zu
keinem Ergebnis führen, denn Vogdts 13 Blätter zu den 13 Szenen könnten
genauso
gut auch vor der Musik entstanden sein. Es würde nichts ändern – außer
vielleicht die Eindrücke auf der inneren Hilfsleinwand von Titeln und
Geschichten.
Vogdt hätte
gern einiges aus meiner Sammlung zurück: Das Problem: Er kann es sich
nicht
leisten. Sammler sind grausam. „Fälsch dir einen Vogdt“, sage ich.
„Dafür bin
ich nicht gut genug“, sagt er. „Kauf dir einen Vogdt“, sage ich. „Kann
ich mir
nicht leisten“, sagt er. „Pech gehabt“, sage ich.