
Es ist nach 23 Uhr, als alles vorbei ist. Saallicht aufgeblendet. Die Bühne: Ein Flügel, ein Bürostuhl. Ende des Vortrags. Drei Stunden ganz ohne Powerpoint. Ja geht denn das überhaupt?
Eigentlich müssten wir alle sauer sein. Alle 400. Oder waren es 500? Wir müssten uns geschmäht fühlen. Ertappt. Entlarvt. Beleidigt. Schämen müssten wir uns. Stattdessen: Erleichterung. Befriedigung. „Ein schöner Abend.“ Gute Unterhaltung. So funktioniert Kabarett.
Kabarett ist zur Seltenheit geworden. Es liegt am „Servierpersonal“. Zum „Wahrheitskellner“ musst du geboren sein. Hagen Rether ist’s. Klarer Fall. Wenn der zum kabarettistischen Hochamt lädt – nein, dieses Wort vielleicht besser nicht – wenn Rether also ins Gruselkabinett der Wirklichkeit einbestellt, kommen wir in Scharen.
Die Devise: Antreten zur Selbstverleugnung. Psychologen nennen ähnliche Phänomene Masochismus. Wir lassen uns quälen. Einer soll uns die Wahrheit erzählen. Zwischendurch muss das mal sein. Einer muss uns erzählen, in welcher Art von Welt wir leben. Welch besonderer Störfall wir sind. Zerstörfall.
Die Sache hat einen Vorteil: Bei 500 Leuten im Saal bleibt immer die Möglichkeit, dass der da vorne die anderen meint. Das bin ich doch nicht. Der redet zu den Fußballfans, die sich zur WM wieder monatelang verdummen lassen werden. Ich doch nicht. Der redet über den Populismus in der Politik. Der erklärt, wie Laffo – er meint den Oskar aus dem Saarland – wie also Laffo mit der Wahrheit allen anderen voraus ist. Haltstop – das ist jetzt aber nicht witzig, oder? Dann lieber lachen über den Papst im Papamobil und über die Neoliberalen. Da müssten doch auch welche hier im Saal sein. Heute ganz in „Casual“. Freizeitkleidung für den lockeren Abend. Ablachen in Gesellschaft.
Aber irgendwas stimmt nicht. Warum nur bleibt einem zwischendurch das Lachen im Hals stecken? Eigentlich kommt es nicht mal bis da. Es gefriert schon in der Seele. Das muss an den Grenzlinien liegen. Sie sind verwischt. Ist der da vorne jetzt dein Freund oder Feind? Oder ist er nur der Kellner? Herr Ober, einmal Leben mit Fehlern. Aber bitte ungeschminkt. Der da vorne – beschimpft der uns jetzt gerade, oder ist das Unterhaltung? Haben wir für eine Abfuhr bezahlt? Ja, haben wir. Es werden ja die anderen vorgeführt. Dergleichen gab es früher bei Hofe. Da durfte einer alles sagen. Es war sein Job. Aber: Hagen Rether ist doch kein Narr? Hofnarr schon gar nicht. Wir wären ja die Majestäten. Die Mechanik des Kabaretts: Wundsondierung ohne Lösungsmittel. Katastrophenschau unter Lachnarkose. Ginge es um Lösungen, wäre das hier eine Jahreshauptversammlung für Weltverbesserer. Vielleicht möchte man ja auch nicht wirklich von Kabarettisten regiert werden.
Rether hat eine Beschäftigungstherapie ins Programm eingebaut: Er putzt den Flügel. Mit Akribie und Staubtuch. ("Das Auge hört ja mit.") Und während er – so ganz putzfrauenharmlos – das Spielgerät entstaubt, demontiert er die Welt mit Bitterkeit, aber: Immer ganz freundlich. Und wenn er die Welt mit dem Bade ausgeschüttet hat, wird eine Pointe eingestreut. Man würde sonst zugrunde gehen. Man müsste doch angefangen, auf sich selbst einzuprügeln.
Das Geniale am Kabarett: Es entzieht sich der Angriffsfläche, weil es ja selbst der Angriff ist. Kritik kann nur scheitern, weil sie sich doch als Lösung präsentiert. Was also soll man sagenschreiben? Der Rether ist gut. Der kann Klavier spielen. Mann, du. Die Wahrheit ist ja: Der Rether ist gut. Er kann Klavier spielen. Mann, du.
„Ihr seid wichtig“, zieht er die Publikumsspritze auf. Der Saal inhaliert. (Natürlich werden Spritzen nicht inhaliert. Das macht aber nichts.) „Ohne euch wäre das hier langweilig“, sagt Rether. „Ich kenne das Programm ja schon.“ Oder: „Ich war selbst mal Publikum.“ Jetzt ist er eine Art kabarettistischer Sprengstoffgürtel, der sich jedem im Saal an die Hüfte arbeitet. Eigentlich müssten wir alle explodieren am Ende eines solchen Abends. Aber da ist sie eben – die finale Rettung: Der meint doch die anderen. Das muss so sein. Ich weiß doch, dass er mich nicht meinen kann. „Jede dritte Frau wird Opfer von Gewalt“, sagt Rether. „Das sind rund 80 hier im Saal.“ Noch lachen welche. Was soll jetzt noch witzig sein? „Da kann es sein, dass Täter und Opfer nebeneinander sitzen.“ Wer jetzt noch lacht, muss irgendwie tot sein. Ist das Kabarett? Ja. Ist der da vorn unser Narr? Nein.
Rether arbeitet sich durch die Gesellschaft und man möchte meinen, dass er niemanden ungeschoren lässt. Falsch. Durch das Abmalen des Horrors mit den Mitteln der Pointe zeichnet der Mann auf dem Bürostuhl hinter allen Wipfeln des Programms einen Zustand, der erstrebenswert sein könnte: Demut. Nächstenliebe. Mehr braucht es nicht. Aber: Es funktioniert halt nicht.
Wenn nach mehr als drei Stunden von allem Hohn und Spott und Zynismus – von aller Enttäuschung über alles und jeden – Musik bleibt, wenn Rether „We are the world“ singt und „Blackbird“ – wenn er mit dem letzten Ton des Abends den letzten Satz sagt „Seien Sie gut zu Ihren Kindern“, dann ist endgültig klar, dass der Mann am Klavier gar nicht den Zynismus als Botschaft trägt. Rether ist einer, der uns keine Beichte abnimmt. Absolution gibt es schon gar nicht. Die gibt’s nicht geschenkt. Man müsste, was er sagte, ernst nehmen. Das Lachen wieder wegpacken. Man müsste begreifen, dass er nicht die anderen gemeint hat. Aber das könnte wehtun. Dafür will niemand bezahlen – außer vielleicht beim Therapeuten.
Trotzdem: Bestens amüsiert. Zurück ins Leben. Die
Kritik
galt doch den anderen. Oder? Wie hieß eigentlich das Programm: Liebe.
Einer
sagt: „Programm heißt bei dem immer so.“ Es gibt keinen Zufall.