Fotos: Rüdiger Dehnen
Der Weg zur Kuh führt über Ewald Mataré und offenbart
das Drama des Musealen. Da liegenstehensitzen sie: Grazien allesamt.
Und immer sehen sie so in Matarés „Kamera“, als wüssten sie verdammt
genau, dass es da in Asien ein Land gibt, in dem die Kuh heilig ist.
Matarés Kühe vereinen Anmut und Tiefgrund, Gewicht und Appeal. Sie sind
nie ordinär, sondern immer standesbewusst monarchisch und gleichzeitig
volksnah und allürenlos. Wer sie
zeigt (das Museum Kurhaus in Kleve tut es derzeit), stürzt geradewegs
in ein haptisches Dilemma mit dem Namen: „Bitte nicht berühren!“
Matarés Kühe wollen angefasst werden. Ausgerichtet auf das „Abgrasen“ der
Form sind manche von ihnen – die Kleinen – als Handschmeichler
konzipiert. Als Fetisch für die Hosentasche.
Natürlich: Der Meister schuf auch Anderes. Geflügel zum Beispiel – Eule
und Hahn, und er schickte Pferde ins Rennen, aber nichts, nichts,
nichts hat diese Dichte. Nichts ist so sehr Dichtung am Beginn und
Verdichtung im weiteren Schaffensverlauf. Wer Matarés Kühe aus der Nähe
betrachtet, ist sicher, dass sie als Königinnen an die Seite des Löwen
gehören und fragt
sich auch, wie bloß die Taube zum Symbol des Friedens werden konnte. Es
kann
nur eine Antwort geben: Die Kuh stand nicht zur Wahl. Wie weit auch
immer Mataré die Kuh ins Abstrakte tranformiert – sie wird nie zum
fremden Kunstwesen, behält immer ihre philosophische Freundlichkeit,
ihr freundliches Schweben.
Matarés Gehörnte treten in Holz auf. Und in
Bronze. Versuchshalber soll
eine seiner Kühe in Porzellan gebrannt worden sein. Gott hatte ein
Einsehen: Das Tier fiel vom Sammlersideboard. Man fegte die Scherben
zusammen. Weg war sie. Gut so. Matarés Welt ist nicht aus
Porzellan. Aus Porzellan trinkt man Tee, Kaffee, kratzt die Pasta vom
Teller und denkt an Omas Sammeltassen oder zerbrechlich Kleinteiliges
aus dem Reich der Mitte. Mataré braucht eine andere Materialität für
die Niederkunft seiner
Kunst. Er ist zuständig für das Paradox der schwebenden Bronze. Er
lässt leicht wirken, was schwer sein müsste.
Die Frage „Wie kam die Kuh nach Kleve?“ ist schnell beantwortet: Sie
kam aus Köln. "Rheinische Privatsammlung", heißt es im
Ausstellungstitel. Die Sammlerin würde lieber anonym bleiben. So kam
Kuh zu Kuh, auch die Klever verfügen über
reichlich Mataré vom Feinsten. Von der Anonyma
kamen nun über fünfzige weitere Stücke. Leider werden sie irgendwann
den Rückweg in die Domstadt antreten. Jetzt aber schweben sie im
Kurhaus – lassen es zum Kuhhaus werden, und man möchte sich wünschen,
der Boden wäre grün gestrichen.
Zur Bronze gelangte Mataré über das Holz – Fundhölzer wurden
Kunstträger. Am 8. Januar 1926 schreibt Mataré in sein Tagebuch: „Von
Hause etwas Holz mitgebracht, soll’s nun an eine liegende Kuh gehen.“
Im Anfang also war die Kuh. „Es gibt in der Mitte meines Lebens
Eindrücke, die meine Zukunft nachhaltig bestimmten. Da ist zunächst die
Kuh, die ständige Begleiterin des Menschen seit Jahrtausenden.“
Ja – es ist wahr: Mataré hat auch Kunst abseits und quasi außerhalb der Kuh geschaffen. Da gibt es Auftragswerke: Die Türen des Südportals am Kölner Dom, der Taubenbrunnen in Köln, das Kriegerdenkmal in Kleve – die Reihe ist lang. Und doch thront über allem sie: Die Kuh. Kuh konkret, Kuh geometrisch, Kuh liegend, Kuh stehend, Kuh groß, Kuh klein. Keine Form, keine Gestalt hat Mataré so durchdrungen. Wenn man’s nicht wüsste – man sollte annehmen: Er hat die Kuh erfunden und zum Patent angemeldet. Wie im Mittelalter die fahrenden Ritter und Spielleute das Lied ihrer Minne sangen, so spielt Mataré auf der Laute seiner Kunst das ewige Lied der Kuh. „Wie ein Tischler seinen Stuhl macht, so muss eine Plastik gemacht werden, alles Gefühlsmäßige ist Unsinn und führt zum Sich-Selbst-Verlieren“, schreibt er am 18. Juli 1923. Aber ist nun seine Plastik gefühlsentleert? Bestimmt nicht. Emotion bei Mataré findet im Inneren des Materials statt. Das Gefühl ist die Seele – unsichtbar sicherlich, aber zweifellos vorhanden. Mataré drängt sich nicht vor. Er ist einer, der nicht hinterherruft. Kein Marktschreier. Aber: Wer sich auf seine Form einlässt, wird belohnt ... und gestraft: ... möchte berühren und darf nicht. Schade, schade.
Bis zum 20. Juni sind Matarés Plastiken aus der rheinischen
Privatsammlung im Klever Museum Kurhaus zu sehen. Aus dem
Museumsbestand gesellen sich alte Bekannte aus Holz dazu. Ein Tip für die Freunde der Kuh: Gary Larson, der amerikanische
Cartoonist. Beim ihm zeigt die Kuh, dass auch Komik in ihr wohnt. Und
Abgrund. Drei Kühe – auf den Hinterbeinen stehend: Vater, Mutter, Kind.
Vor grandioser Kulisse für den Schnappschuss bereit. Die Mutter mit
Handtäschchen: "The Holsteins at Grand Canyon." Mataré hätte wohl seine Freude
gehabt.
Ausstellung:
Ewald Mataré: Plastik. Eine rheinische Privatsammlung
14. März bis 20. Juni
Museum Kurhaus Kleve
