
Gestorben wird im Fernsehen. Hinter Mattscheibenglas. In einer anderen Wirklichkeit. Gestorben wird in anderen Ländern. In den Nachrichten. Gestorben wird nebenan. Bei den anderen. Der Tod sprengt Schneisen ...
Als Achim Jaspers dem Tod begegenete, war er knapp 20 Jahre alt. Ein junger Polizist in seinem Traumberuf. Der Tod lag in einer Waschküche: Ein älterer Herr ohne Kopf neben einer Schrotflinte. Blut überall und irgendwo an der Wand: Ein Stück von einem Ohr, an dem noch der Brillenbügel hing. Manches Bild steckt im Hirn wie ein rostiger Nagel.
Als Polizist kannst du den Tod nicht ausklammern, Und manchmal besuchst du, den Tod im Gepäck, die Ahnungslosen. Achim Jaspers, längst Polizeihauptkommissar, hat schon viele Todesnachrichten überbracht. Eine Routine gibt es nicht. Kann es nicht geben. Aber es gibt ein Lernen. Und es gibt Schlüsselerlebnisse wie das aus dem Januar 1997 — kurz nach Weihnachten.
Jaspers erzählt: „Ein Mann war tödlich verunglückt. Ich bin dann allein losgefahren, um die Todesnachricht zu überbringen. Die Frau machte mir dir Tür auf, und ahnte schon, dass etwas Schlimmes passiert war. Ihr Mann war immer zuverlässig gewesen. Immer pünktlich von der Arbeit nach Hause gekommen. Jetzt war er schon seit mehr als zwei Stunden überfällig.“
Jaspers schafft es, mit der Frau, die schon an der Tür wissen will, was los ist, ins Wohnzimmer zu kommen. „Es hat einen schweren Unfall gegeben“, sagt er, „und ihr Mann ist an den Folgen seiner Verletzungen gestorben.“
Einen Sekundenbruchteil lang passiert nichts, dann stürzt die völlig geschockte Frau auf Jaspers zu, packt ihn am Kragen, schüttelt ihn und bricht kurz darauf ohnmächtig zusammen.
Als sie wieder zu sich kommt, stehen plötzlich Kinder im Zimmer und fragen nach „Papa“. Als die Mutter ihnen sagt, dass der Vater tot ist, eskaliert die Situation auch bei den Kindern. Sie rennen aus dem Haus. Jaspers ist allein — um ihn herum die Hölle: Eine Hölle aus zerstörten Hoffnungen eine Hölle aus Trostlosigkeit. Der Tod sprengt Schneisen der Verwüstung. Der Tod findet im Leben statt. Nicht hinter Glas. Nicht bei den anderen. Heute, acht Jahre später, gibt es das Klever Modell. Nein, das Klever Modell hat nicht den Tod besiegt, aber es hat, so man denn angesichts des Sterbens davon sprechen kann, dem Überbringen solcher Nachrichten eine andere Qualität gegeben.
Rund 20 Polizisten im Kreis Kleve arbeiten mit. Wenn heute ein Unfall mit Schwerstverletzten oder Toten passiert, läuft auf der Polizeiseite ein genau festgelegtes „Programm“ ab: Die Leitstelle — also die Einsatzzentrale der Polizei - benachrichtigt die beiden Kollegen vom Opferschutz, die jeweils eine Woche lang Bereitschaft haben. Die Opferschützer informieren die Rettungswache. Von hier aus wird ein Notfallseelsorger benachrichtigt. Rund eine Stunde und nicht länger sollte das Zeitfenster geöffnet sein, das sich mit dem Überbringen der (Todes)Nachricht schließt. In dieser Zeit versuchen Jaspers und seine Kollegen, ein Maximum an Informationen zusammen zu tragen. Diese Informationen beziehen sich sowohl auf die Angehörigen des Opfers als auch auf den Hergang des Unfalls. Achim Jaspers: „Die Angehörigen haben meist sehr schnell konkrete Fragen, und es ist unsere Pflicht, diese Frage möglichst genau beantworten zu können.“
Seelsorger und Opferschützer vereinbaren einen Treffpunkt, tauschen die Informationen aus und fahren dann zur Benachrichtigung los — zu dritt. Alleine in einer solchen Situation zu stecken - das wissen Jaspers und seine Kollegen längst — ist eine Arbeit, die niemand leisten kann.
Was im Augenblick des Überbringens passiert, ist ohnehin nicht planbar. Von Aggression bis zum völligen Zusammenbruch reicht das Spektrum. Es kommt auch vor, dass Angehörige nach kurzer Zeit sagen: „Ich bin okay. Sie können jetzt gehen.“ Eine Aufforderung, die nicht ohne weiteres befolgt wird. Jaspers: „Darauf reagiere ich in der Regel mit ‘Ja, aber’: Ja, das ist klar, aber, wir würden gerne noch so lange warten, bis Sie jemanden benachrichtigt haben, der sich um Sie kümmern kann.“ Wenn Jaspers von all den vielen Fällen erzählt, an denen er beteiligt war — wenn er von den Bildern spricht und von der Verzweiflung der Menschen, dann tut er das in aller Ruhe und Sachlichkeit. Eben das ist es, was er und seine Kollegen bei einem Einsatz brauchen: Sachlichkeit.
Das heißt nicht, dass da kein Mitgefühl wäre, aber Jaspers und seine Kollegen sollen die Situation professionell managen. Im Umgang mit dem Tod allerdings ist Professionalität eine schwere Belastung und man fragt sich, wie einer so was weg stecken kann. Jaspers: „Das geht nur, weil sich auch um uns jemand kümmert.“ Selbst mit dieser Hilfe ist noch immer genügend Belastung vorhanden, und die bleibt nicht in der Uniform stecken, wenn der Einsatz beendet ist.
Was passiert, wenn jemand außerhalb des Kreises bei einem Unfall ums Leben kommt? Jaspers: „Dann stellen wir zunächst Kontakt zu der entsprechenden Polizeidienststelle her und versuchen, mit den Kollegen zu sprechen, die vor Ort im Einsatz waren.“
Der Schmerz für Angehörige oder Lebensgefährten ist ein kaum nachvollziehbares Martyrium. Jaspers und seine Kollegen sind angetreten, weitestgehende Unterstützung anzubieten und man kann froh sein, dass es das Klever Modell gibt, denn anderswo ist es noch immer üblich, dass „irgendwer“, der gerade im Einsatz ist, zur Benachrichtigung losgeschickt wird.
Achim Jaspers weiß aus eigener Erfahrung, dass eine solche Situation leicht aus dem Ruder laufen kann. Tod und Schwerstverletzung lösen bei den Nahestehenden oft genug ein schweres Trauma aus, denn das Sterben gehört in einer Zeit, die wie keine andere wissenschaftliche Fortschritte gemacht hat, zu den Unsagbarkeiten. Der Tod findet im Fernsehen statt — hinter Mattscheibenglas und nicht in den eigenen vier Wänden.
