Fotos 1+3: Rüdiger DehnenDer Raum — ein schmuckloser Schlauch: PVC auf dem Boden. Auf der kleinen Empore an der Stirnseite längst zertretener blauer Teppichboden. Nichts für Hausstauballergiker. In die Stirnseitenwand eingelassen: Ein Stahlkasten. Verschließbar. Davor — wie beim Kasperltheater: Ein roter Vorhang. Im Kasten das wichtigste Vehikel der modernen Pseudokommunikation: Der Fernseher. Sitzen und Starren. Gestern ...
Drei Treppen geht es hinauf. Unters Dach. Näher zum Himmel. Näher zu Gott? Vorher durchquert man vergitterte Anstalts-Tristesse. Das Alcatraz-Gefühl. Dann die Flügeltür. Zuerst hölzern. Ein Schlüssel klappert im Schloss. Die Tür gibt den Blick frei auf ein Gitter. Es ist ein bisschen so, als beträte man den Schließfachraum einer Bank.
An der Stirnseite hinterm Kasperlvorhang grinst nicht mehr der Fernseher im Stahlkasten. An der Wand etwas, das Segel sein könnte oder ein Kreuz — behängt mit etwas, das an die Plane eines Lastwagens erinnert. Silbrig schimmernd: Das Segelkreuz könnte auch ein Gewand sein. Auf dem Segelkreuzgewand ziemlich rot: Ein Plus. Ein Minus.
Darunter ein Tisch: Der Sockel — aus der Ferne undefinierbar schön — trägt eine Glasscheibe. An den Fenstern, die rechts und links die gesamte Raumlänge begleiten: Gelblich-orange Vorhänge. Wenn Sonne sich hinterrücks durch die Stoffbahnen schleicht, entsteht Friedlichkeit.
Der Tisch: Aus der Nähe wird er zur Antiquität: Ein italienischer Überseekoffer aus den 20-er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Scharniere sind zu sehen. Für eine Sekunde taucht das Titanic-Gefühl auf. Die Schlösser des Koffers: Verschraubt. Niemand guckt da mehr rein. An der linken Seite ein Schlitz — vorgesehen für: Post an Gott.
An der Schnittstelle zwischen Knast und Himmel ist aus Sinnlosem Raum ein Ruhebecken geworden, das den einen Kirche und den anderen Seelenasyl bedeuten kann. Was hier in der Klever Justizvollzugsanstalt seit dem Herbst der letzten Jahres entstanden ist, kann sich sehen lassen.
Ein Archivbild der Anstaltskirche aus dem Jahr 1924 bringt das Köpenick-Gefühl: Heinz Rühmann als Feldherr in gestreifter Anstaltskluft. Vorgestern.
Und jetzt: Ein von allem Überflüssigen befreiter Raum, dessen unmittelbar letzte Geschichte im Herbst 2005 begann. Es gibt Gedanken, die — im richtigen Moment von vielen gedacht — Bewegung bringen. Aus dem schmuddeligen Raum sollte etwas entstehen. Das wurde gedacht. Denken, Handeln. „Stellt doch mal einen Antrag an die Kisters Stiftung” — so die Botschaft an die Seelsorger Josef Peters, Christoph Nell-Wolters und Anstaltsleiter Karl Schwers.
Manchmal passieren Dinge zur rechten Zeit. Zum Konzept kam das Geld. Die Arbeit konnte beginnen — der Raum entschlackt werden. Weg mit PVC und Schmuddelteppich. Holz kam zum Vorschein — aber Holz und Raum allein sind zu wenig. Es kam der Gelderner Peter Busch — keiner von den Unantastbaren. Einer von denen, die sich stellen. Es sprach sich herum in der JVA. Es passierte. Es bewegte sich etwas in den Köpfen. Die Projektgruppe entstand.
Busch und die Gefangenen — einer von ihnen: Taifun. Seit 18 Monaten in U-Haft: „Ein kompliziertes Verfahren.” Er kommt nicht aus der Gegend, aber die Mitarbeit hat ihm viel gebracht. Nein, Taifun muss nicht mit aufs Bild. „Schlimm genug, dass ich hier bin.” Ein Sturm erzählt von Genese — Entwicklung. Dass der Altartisch in einem Gefängnis jetzt ein ausgedienter Überseekoffer ist: Symbol.
Dass auf dem Segel, das auch ein (Mess)Gewand sein könnte, Plus und Minus wohnen: Für Taifun das Wichtigste. „Niemand ist nur Minus. Und niemand ist nur Plus.“
Auf das Segel hatten sie Begriffe geschrieben — Wörter wie “unglücklich, unmoralisch, streitlustig, gerecht, ruhig, lustvoll” — es mögen an die 100 gewesen sein. Jetzt haben sich Plus und Minus in Rot in die wahrzunehmende Wirklichkeit auf der ehemaligen Lastwagenplane gerettet. Rot - Signal und Verletzung in Farbunion.
Die Wörter sind übermalt — aber sie sind da — sind die Seele im Innern. Jedermans Seele. Unsichtbar. Aber da. Das Segel auf der silbernen Lastwagenplane. Die große Freiheit in der dritten Etage - irgendwo zwischen Himmel und Hof: Gefängnishof.
Nicht nur die Projektgruppe hat sich
engagiert
beim Konzept und Bau. Taifun muss es sagen: „Irgendwie haben
alle
beigetragen. Auch die Mitarbeiter der Anstalt.” Am
Fuß des
Segels der angedeutete Bug eines Schiffes — gemacht aus einem altem
Weinfass. Das Schiff. Die Ferne. Der Wein. Der das Fass zum Schiff
machte, war Josef Sieben, der Schreiner. “Sieben wie
Acht”,
buchstabiert der Anstaltsleiter.
Eine Anstalt, in der sich 40 Nationen (Ausländeranteil 55,7 Prozent) gegenseitig Nebeneinander sind. Die einen glauben — andere hoffen. Ist Taifun ein religiöser Mensch? „Nein. Gar nicht.” Aber mit Sicherheit ist er einer, der die zentrale Botschaft und das zentrale Anliegen dieses Ortes verstanden hat.
Inmitten der Symbole des Entkommens findet hier auch Hafen statt. Und Anker. Immer wieder fällt der Name: Peter Busch. „Der hat’s gebracht. Der hat sich gestellt.” Respekt in der Stimme des Taifuns. Hochachtung.
Es spricht der Sturm: „Wir haben hier nicht irgendwas Fertiges an die Wand geklatscht. An dem, was Sie hier sehen, haben alle mitgewirkt.” Projektzeichnungen der Gefangenen bezeugen kollektives Entwickeln einer Idee. Im Käfig denken.
Was hier entstanden ist, dient nicht allein für Gebet und Meditation. Kurse finden statt. Kultur. Arbeitsgemeinschaften treffen sich. Türkisch. Deutsch. Aber auch Personalversammlungen werden abgehalten.
Und dann der Schlitz im Tisch. Wer liest die Post an Gott? „Niemand“, erklärt Christoph Nell-Wolters. Später einmal — vielleicht in 100 Jahren. Im Innern dieses Tisches finden Begegnung und Kommunikation auf einer anderen Ebene statt, und wer da glaubt, dass der Inhalt des Koffers die Staatsanwaltschaften interessieren könnte, irrt, obwohl er richtig liegt. Der Unterschied zwischen Wollen und Dürfen. Hier kommt niemand ran. Der Koffer ist das Asyl der Gedanken. Für niemanden antastbar: Die unerreichbare Zuflucht in der Gitterwelt. Hier landen Briefe, die keine Marke brauchen und keinen Stempel. Für die einen Gottes Postfach — für die anderen vielleicht ein Symbol der Möglichkeit, umgeben von Überwachung. Im Innern einer dunklen Kiste frei zu sein. Unberührbar. In Schmerz und Freude.
