Mario Merz

Fotos: Rüdiger Dehnen

Der Zauber des Unheiligen


In einem guten Museum findet Leben statt. Wer auf der Suche nach den Toten ist, biegt an der Friedhofsmauer ab. Kunst ist eine Form des kreativen Widerstandes gegen das Vergessen. Gegen die Gedankenlosigkeit. Das Museum ist keine Entbindungsstation für künftige Säulenheilige - es ist ein Ort der kommunizierenden Röhren. Botox fürs Hirn. Wer all das möchte, sollte derzeit das Museum Kurhaus Kleve auf dem Plan haben. Da gibt es die  Kunst zu sehen, die ohne Frischhaltefolie auskommt, weil sie lebt.

Kaum zu glauben: Was im Kurhaus Wände und Böden „bevölkert“, war bisher nirgends am Stück zu sehen. Wer Aufschluss darüber möchte, was es bedeutet, wenn ein Ganzes mehr ist als die Summe seiner Teile, hat drei Etagen Zeit dazu. Wer die Schau nicht lebendig verlässt, kann - so ist zu befürchten - auch sonst nirgends Reanimation erlangen.
Während von jetzt bis zum 20. März Bilder und Publikum das System der kommunizierenden Röhren ausmachen, stand am Anfang das System: Galerist - Künstler. Der sich als Galerist Konrad Fischer nannte und zusammen mit seiner Frau ein Imperium des Überzeugenden schuf, startete als verdeckter Ermittler. Wenn du Kunst vermittelt möchtest, solltest du wissen, was es ist, das in den Künstlern tickt. Konrad Lueg  startete als Produzent. Auch das zeigt die Ausstellung. Nach der „Inschlaflegung“ des aktiv Schaffenden stellte sich unter anderem Namen einer ein, der kuratierte und vermittelte und dabei immer eines blieb: Künstler. „Archiv einer Haltung“ - so der Untertitel der Ausstellung. Menschen wie Konrad Fischer repräsentieren - so scheint es - weniger eine Haltung als einen Zustand. Sie sind gelebte Kunst und zeigen auf erfrischende Weise den Zustand des Unheiligen, der am Beginn jeder Schöpfung liegt, steht oder sitzt. Fischer und „seine“ Künstler sind von Kreativität Überwältigte - einem Trieb ausgeliefert, der sie zur Kunst führt wie andere Gärtner werden. Das Motto: Keine Wahl haben. Was dran ist, ist dran. Was kann ein Vogel dafür, dass er fliegen kann? Einer wie Fischer war zeitlebens ein verdeckter Ermittler - auf beiden Seiten des Elfenbeinturms zuhause, aber niemals darin gefangen. Im Turm wartet der Tod. Im Kurhaus wartet das Leben. Es wartet eine Gilde von „unüblichen Verdächtigen“, die ein Teil dessen sind, was Sterilisatoren „Kanon“ nennen. Man „muss“ all  das nicht gesehen haben. Eine Ausstellung wie „Dorothee und Konrad Fischer - Archiv einer Haltung“ erweckt Begierlichkeiten: Man will es gesehen haben - liebt das eine, hasst das andere, aber fest steht: „Archiv einer Haltung“ lässt kein hirnloses Staunen zu. Wer staunt, der steht. „Archiv einer Haltung“ ist - manchmal schadet Wiederholung nicht - Botox für Hirn. Allerdings muss jeder die Spritze selbst im Gepäck führen. Eintrittsgelder allein garantieren keine Erleuchtung. Bei „Archiv einer Haltung“ stellt der Kauf der „Eintrittsaktie“ reichlich Renditen im Denkzentrum in Aussicht.
Am Ende raubt einem das Ensemble aus Baumgarten, Beuys, Judd, Kawara, Long, Nauman, Penone und Co den Atem. Was im Kurhaus zu sehen ist, hat trotzdem nichts mit großen Namen zu tun. (Den Bildern ist egal, wer sie gemalt hat).  Die Ausstellung handelt von der Energie der Schöpfung und von der Atemlosigkeit des Sammelns. Das allerdings wird nur erfahrbar für Besucher, die sich selbst dabei haben und bereit sind, die eigene Energie gegen  das Gesehene zu zu setzen. Wer das umsetzt, erlebt ein Beben über der Erde. Alle andere begegnen voll Staunen großen Namen und gehen so leer wie sie gekommen sind.
Als Zugabe gibt es jede Menge  Informatives - Schriftwechsel, Einsichten, Bildmaterial aus der Hexenküche des „Hintergrundes“. Das Epizentrum allerdings sind die Kunstwerke. Man möchte schwören, dass sie alle noch immer Puls und Blutdruck haben - niemals tot sind. Was da atmet, ist der Zauber des Unheiligen. Also: Red nicht, schau hin! Das Leben hängt an der Wand. Bevor das Internet abgeschaltet wird, noch schnell eine Rundmail an alle, die guten Willens sind: „Leute, geht ins Kurhaus. Es lohnt sich.“


Dehnen Fotos


Heiner Frost
Erstellt: 12.11.10, letzte Änderung: 14.11.2010